Dissertationen

Camillo Sitte 2.0 – Was blieb vom zweiten Band?
Stefan KUBIN
2018 – 

Der Wiener Architekt Camillo Sitte (1843–1903) ist vor allem für sein 1889 erschienenes Werk „Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ bekannt, in dem er sprach- und bildgewaltig Kritik am zeitgenössischen Städtebau des auslaufenden 19. Jahrhunderts übte. Sitte plante nach eigener Aussage eine Fortsetzung dieser Kampfschrift, die – seit 1889 immer wieder neu aufgelegt – ein Standardwerk der Theorie des Städtebaus ist.

Unterschiedlichen Auffassungen nach sollte sich dieser zweite Band mit dem Titel: „Der Städtebau nach wissenschaftlichen und sozialen Grundsätzen“ mit der wirtschaftlichen bzw. mit der praktischen Umsetzung von Sittes Theorien im Städtebau auseinandersetzen. Die Dissertation widmet sich der Aufarbeitung einer bislang unbearbeiteten – und bis knapp vor Camillo Sittes Tod 1903 geführten – Materialiensammlung zu diesem geplanten aber nie fertiggestellten zweiten Band.

Im Rahmen der Arbeit werden nachstehende Fragestellungen diskutiert:
– Einordnung und Gegenüberstellung des Manuskriptes (bezugnehmend auf den ersten Band „Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“)
– gibt es Querbezüge, Abgrenzungen, Revisionen in Bezug Sittes anderer Schriften?
– welche zeitgenössischen Autoren beeinflussten bzw. waren für ihn entscheidend?
– welche Relevanz haben die von ihm angesprochenen Themen?
– in wie fern ändert es den (heutigen) Blick auf Sittes Schaffen?
Besonderes Augenmerk wird in der Auseinandersetzung mit Camillo Sittes auch auf die noch vorhandenen Bestände seiner Arbeitsbibliothek gelegt.

Betreut von:
Sabine PLAKOLM-FORSTHUBER

Blattlinien
Gabriele KAISER-MÜHLECKER
2017

Die österreichischen Architekturzeitschriften „Der Aufbau“ und „Der Bau“ als Leitmedien des institutionellen Fachdiskurses 1946–1971

Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und fachimmanenten Umwälzungen, die sich in Architektur und Städtebau nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vollziehen, spiegeln sich in den österreichischen Fachzeitschriften der Nachkriegszeit in eindrücklicher Weise, wobei zwei für die Architekturdebatte nach 1945 besonders bedeutsam sind: Zum einen die vom Wiener Stadtbauamt herausgegebene Monatsschrift Der Aufbau, zum anderen das zunächst in Graz erscheinende volkstümliche Monatsblatt Der Bau, das ab 1949/1950 von der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs herausgegeben wurde und danach einen raschen Professionalisierungsschub erfuhr. Die beiden, einerseits von der Wiener Bauverwaltung, andererseits von einer Berufsvereinigung herausgegebenen Fachmedien sind der – in der Architekturforschung zwar ausgiebig benutzter, aber selbst kaum erforschter – Gegenstand vorliegender Arbeit. In Form von synchronen Längsschnitten und exemplarischen Text- und Diskursanalysen wird der Versuch unternommen, eine Biografie der Leitmedien des Fachdiskurses der Nachkriegszeit zu schreiben, mit dem Ziel, Mechanismen und Wirkungsweisen des Vermittelns von Architektur und Städtebau in ihrer institutionellen Gebundenheit und Erneuerungsfähigkeit darzulegen. Nicht nur die medial repräsentierten Gebäude oder „Baugesinnungen“, sondern auch die Textgattungen, Rubriken und bilddidaktischen Strategien werden einer kritischen Lektüre unterzogen und mit weiteren Fachzeitschriften bzw. mit der am Beginn der 1960er-Jahre erblühenden Architekturkritik in der Tagespresse in Beziehung gesetzt. Methodisch wurde eine Synthese aus Rezeptionsgeschichte und Medieninhaltsforschung angestrebt, um Funktionsweise, historische Entwicklung und Produktionsbedingungen des Artefakts Zeitschrift mit architekturgeschichtlichen Themen zu verbinden. Im Kräfteverhältnis zwischen Bauverwaltung, etablierter und experimenteller „freier Szene“ zeigt sich, wie sehr Medien sowohl als „Gefäß“ (etwa zur Dokumentation des kommunalen Bauprogramms), als auch als „Werkzeug“ (etwa zur Durchsetzung von städtebaulichen Leitbildern) eingesetzt wurden. Entlang einer Zeitspanne von 25 Jahren wird herausgearbeitet, mit welcher Tendenz fachrelevante Themen nach 1945 selektiert und medial aufbereitet wurden und in welcher Weise das historische Wissen über Architektur in Österreich von diesen publizistischen Filtern mitbestimmt wurde. Der besondere Reiz der Konzentration auf Architekturzeitschriften liegt in der Zeitgebundenheit und Beiläufigkeit des Stoffes. Vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag, die Manifestationen aus „Zeit“ und „Schrift“ nicht nur als ergiebige historische Quelle zu schätzen, sondern auch als Konstruktion besser zu verstehen.

Betreut von:
Sabine PLAKOLM-FORSTHUBER

„Frauengerechte“ Modellwohnprojekte der 1990er Jahre. Die versuchte Einflussnahme von Frauen als Auftraggeberinnen auf den österreichischen geförderten Wohnbau
Sabina RIß
2017

1992 bis 1998 wurden in Österreich im öffentlich geförderten Geschosswohnbau erstmals von frauenpolitischer Verwaltungsebene fünf, sogenannte frauengerechte Modellwohnprojekte initiiert und unterstützt. Damit beabsichtigt waren die Einführung von Qualitätskriterien, die auch frauenspezifische Alltagsbezüge berücksichtigen sowie die Erhöhung der Teilhabe von Fachfrauen in der Wohnbauproduktion. Die erstmalige systematische Dokumentation sowie Gesamtanalyse ist der Beitrag dieser Dissertation zu einer feministischen Wohnbauforschung. Die Untersuchung wird von folgenden Fragestellungen geleitet: Welche Erfolge und Misserfolge kennzeichneten die selbstbestimmten Maßnahmen der Frauen in den Entwicklungen der Projekte? Welche Raumkonzepte konnten realisiert werden und welche Innovationen sind dabei erkennbar? Welche Impulse und Wirkung hatten die Projekte und ihre Begleitmaßnahmen für den geförderten Wohnbau?

Basierend auf umfangreicher Materialrecherche und einer Vielzahl von Interviews mit ProjektakteurInnen werden dafür die Entstehungsprozesse und Realisierungen der Wohnprojekte analysiert und dadurch vertiefende Erkenntnisse zu Zielsetzungen und Rahmenbedingungen, Maßnahmen und Spannungsfeldern sowie Innovationen der Ergebnisse und Wirksamkeiten gewonnen: Unter Bezugnahme auf ähnliche Projekte in Deutschland wurden in intensiven Vorbereitungsphasen mit Expertinnen relevante Entwurfskriterien für die Auslobungen entwickelt. Eine wichtige, jedoch umstrittene Maßnahme war das Abhalten von geladenen Wettbewerben ausschließlich für weibliche Ziviltechnikerinnen. Insgesamt stieß die Entwicklung der Wohnprojekte auf große Widerstände in Politik, Verwaltung, Fachkreisen und bei Bauträgern. Dennoch wiesen die realisierten Wohnbauten Innovationen betreffend hoher Gebrauchsorientierung und Alltagstauglichkeit in Wohnumfeld, Wohngebäuden und Wohnungen auf. Dank umfangreichen Begleitmaßnahmen erfolgte zwar eine thematische Bewusstmachung in der Fachöffentlichkeit und Öffentlichkeit, jedoch die beabsichtigten, nachhaltigen Veränderungen im öffentlich geförderten Geschosswohnbau wurden nur in geringem Ausmaß unmittelbar erzielt.

Rigorosum 31.01.2017

Betreut von:
Sabine PLAKOLM-FORSTHUBER